Nachlese – Frankenstein

Schauspielerisch facettenreich vorgetragen

Wenn das Landestheater Detmold beim Bocholter Stadttheater gastiert, wird es meist anregend, manchmal durchaus auch zwiespältig aber nie langweilig. Auch wenn man zunächst nicht so richtig in das Vorgetragene hineinfindet, lohnt sich Abwarten und am Ende Nachkarten im besseren Sinne dieses Wortes. Dann nämlich taucht der ein oder andere Aspekt auf und weitere gedankliche Inspiration für den Heimweg ist gesichert. So geschehen am vergangenen Mittwoch im Drosselsaal des Textilwerkes in Bocholt mit der Aufführung „Frankenstein“ nicht „von“ wie im Programmheft vermerkt, allenfalls „nach“ der Romanvorlage von Mary Shelley.

Interessant war, wie mit wenigen Requisiten komplexe Gegebenheiten angespielt wurden. Eine Pappschachtel diente als Urne für die sterblichen Überreste der Mutter, mit drei Segeln wurde so heftig herumlaboriert, daß schweißtreibende Forschertätigkeit gelebt war. Licht- und Soundeffekte waren höllisch. Der Schöpfer Frankenstein verzwergte rasch mit seinen Schuldgefühlen in psychischer Isolation. Die Monster gerieten in soziale Not und gesellschaftliche Ablehnung. Sie wurden erst gar nicht zu den gefürchteten dämonischen Monstern, die sie hätten sein können. Vielmehr tauchten neue Projektionsflächen auf zur Befriedigung des Bedürfnisses nach Zugehörigkeit, Bindung, Familie und Freundschaft in Form von Mutter, Schwester oder Braut.

Schauspielerisch wurde facettenreich vorgetragen teils mit großer Geste, teils im Flüsterton. Berührend waren vor allem die Frauenrollen mit Alexandra Riemann als erstem und Maja Grahnert als zweitem „Monster“. Die Dramaturgie war deutlich abstrakt insofern, daß sich das Publikum seine eigenen Schlüsse aus dem Stoff ziehen soll: Alle traumatisiert mit Belastungsstörungen oder alles nur Hirngespinste? Das blieb als Zwiespalt des Abends.

Werner Loock