Nachlese – Kalter weißer Mann

„Time to say goodbye“ oder: Einmal Partizip Präsens und zurück

Das Wolfgang Borchert Theater gastierte am Donnerstagabend auf Einladung des Stadttheater Bocholt e.V. in der Aula des St. Georg-Gymnasiums. Gespielt wurde „Kalter weißer Mann“ – eine Satire, die an deutschen Theatern aktuell rauf und runter läuft.

Der Inhalt ist schnell abgehakt: Der Gründer einer Unterwäschefirma ist mit 94 Jahren verstorben. Die Firmen-Trauerfeier eskaliert in alle Richtungen. Auf der Trauerschleife steht: „In tiefer Trauer – Die Mitarbeiter“. Aber was ist mit den Mitarbeiterinnen? Aus diesem Konflikt entwickelt sich eine hitzige Debatte, die völlig aus dem Ruder läuft. Scharfzüngige Dialoge fügen sich zu einem fast tragikomischen Plot mit vielen Wendungen und Überraschungen. Empörungsthemen wohin man schaut: political correctness, Geschäftsessen und Machtmissbrauch; Vetternwirtschaft und Recruting; Sexismus in der Werbung; der designierte Geschäftsführer, sein Zipfelchen und LGBTQ+ – nichts ist den Erfolgsautoren Jacobs und Netenjakob heilig.

Unter der Regie der Mindener Intendantin Andrea Krauledat hat jeder sein Solo: Horst Bohne (Gregor Eckert), der sich mit einem „Hottentotten-Monolog“ in die Rassisten-Ecke quatscht und damit raus aus der Chef-Nachfolge; Katharina Hannappel als Praktikantin Kim (ist sie schlicht und einfach faul oder hat sie eine gute work-life-balance?) mit ihrem flammenden Plädoyer gegen alte weiße Männer; der Pastor (Florian Bender) begibt sich unter extremem Zeitdruck auf einen Kreuzweg – und die Kirche bekommt en passant einiges auf den Hut; Rosanna Kleve als Managerin mit St. Gallen-Abschluss, die nichts lieber tun würde als Bohne abzusägen und schließlich den gleichen autoritären Führungsstil anklingen lässt und nicht zuletzt Ivana Langmajer als klischeehaft etwas unterbelichtete Sekretärin Rieke mit ihren fortwährenden Rückblicken auf ihre geschiedene Ehe – die selten etwas mit dem jeweiligen Thema zu tun haben. Zum Schluss darf Rieke endlich singen. „Swing low, sweet chariot“ – das Ensemble kommt mehrstimmig dazu. Man meint, nun komme die Trauerfeier zu einem würdevollen Ende … aber weit gefehlt: Mit dem Vorwurf der kulturellen Aneignung macht die Praktikantin ein allerletztes Fass auf.

Es war einmal mehr ein sehr unterhaltsamer Theaterabend mit gut aufgelegten Schauspielern(*innen). Und man lernte – wie gerade gesehen – den korrekten Umgang mit Gendersternchen. Als Essenz zeigte sich: Nicht jedes Empörungsthema lohnt eine flammende Debatte – Toleranz und „immer ruhig Blut“ würden gelegentlich helfen. Das Bocholter Publikum war begeistert und spendete stehend und langanhaltend Applaus.

Thomas Siebe

Fotos: Sabrina Wöhle, Marei Gigengack