Gleich in mehrfacher Hinsicht erlebten die Besucher des Konzertes mit dem „Dover Quartet“ einen außergewöhnlichen Konzertabend im LernWerk. Das weltweit renommierte Streichquartett machte bei seiner Europatournee auf Einladung des Theatervereins Station in Bocholt. Anstelle einer Auswahl aus der überreichen klassischen Quartettliteratur widmeten die vier Musiker aus Philadelphia (USA) den ersten Teil des Programms der ursprünglichen Musik der indigenen Bevölkerung Nordamerikas. In „Rattle Songs“ und „Woodland Songs“, zwei Kompositionen, die für das Dover Quartet komponiert wurden, erklangen Stücke mit äußerst raffinierten rhythmischen Strukturen oder mit verträumten und melancholischen Melodien. Die Rasseln („Rattle“) waren durch schnelle perkussive Striche der Instrumentalisten lautmalerisch hörbar und die vielfältigen Klangmöglichkeiten der vier Streichinstrumente wurden ausgiebig genutzt, um die verschiedensten Stimmungen darzustellen. All dies gelang dem Dover Quartet auf höchstem Niveau.
Auf dieser „Hörbasis“ erlebte das Publikum dann Antonín Dvoraks berühmtes „amerikanisches“ Streichquartett, das er unter dem Eindruck einer Amerikareise und dort gehörter indigener Musik komponierte. Dargeboten vom Dover Quartet in technischer und musikalischer Vollendung, wurde hier endgültig klar, warum dieses zu den ganz großen Streichquartetten der heutigen Zeit gehört.
Die Zuhörer waren begeistert und spendeten stehend Applaus.
Mit einem langsamen Satz aus Mozarts Streichquartetten als Zugabe endete dieser außergewöhnliche Abend.
Text: A. Oehmen
Das weltberühmte Dover Quartett in Bocholt
Musikalische Reminiszenzen und Zeitgenössisches aus der neuen Welt
Dieser Quartettabend wird allen noch lange in Erinnerung bleiben. Dem amerikanischen Streichquartett mit Sicherheit, das zwischen einer Tournee durch die Metropolen dieser Welt eine Spritztour in die Niederungen der Provinz unternahm und ganz offensichtlich vollkommen überrascht und gerührt war angesichts eines Publikums, das es am Ende des Konzertes von den Stühlen riß und die Künstler mit stehenden Ovationen und nicht enden wollenden Bravorufen feierte.
Dabei hatte der Cellist Camden Shaw noch im langsamen Satz des „Amerikanischen“ von Dvorak seine Pizzicati etwas sehr lässig und fast schon vorschnell pointiert, was aber umso mehr die Virtuosität des Quartetts von Satz zu Satz turboartig beschleunigte. Das Stück begann mit den so prägnanten tremolierenden Akkorden der beiden Geigen und einem ausgehaltenen dominanten F des Cellos im beinahe tonlosen Sotto-voce, das sich zu einem voluminösen Vibrato ausdehnte. Darüber entfaltete sich ein wunderbar engmaschiges Bratschensolo des Pierre Lapoint, der offensichtlich als Neubesetzung im Ensemble fungierte. Überraschend zart und verhalten folgte die erste Geige mit Joel Link, gespickt mit den tänzerischen Sechzehntel einer Dumka der zweiten Geige des Bryan Lee und der Bratsche. Das harmonierte alles wunderbar und präsentierte echte Weltklasse.
Dabei war der erste Teil schon aufregend genug gewesen und hatte einen Herrn im Publikum, der sich als Quartett-Neuling entpuppte und ungenannt bleiben möchte, in helle Aufregung versetzt. Ihn hätten die Klänge der zeitgenössischen Jessie Montgomery, einer US-amerikanische Komponistin, so begeistert. Der Cellist des Quartetts hatte die Dame als begehrte Kammermusikerin eingeführt. Ihr Quartettsatz „Strum“ – zu deutsch „Herumklimpern“ – war aber alles andere als das, sondern schien vielmehr eine Reminiszenz an Antonin Dvorak zu sein mit zunächst klampfenartig bespielten Geigen als Begleiter eines sonoren Cellotons, der überleitete zu einem hohen Flageolett, was schließlich in breite Streicherakkorde mündete. Auch der „Rattle song“ von Pura Fé – ein weiterer Zeitgenosse von jenseits des großen Teiches – war ganz und gar nicht nur Geklapper, sondern kam mit virtuosen Arpeggien spürbar geprägt von der Musik des böhmischen Meisters. Jerod Impichchaachaaha‘ Tate mit seinen teils ruppigen Waldliedern diente als weitere Etappe auf dem Weg zu Dvorak. Unverkennbar waren seine romantischen Anklänge, die wie ein schottischer Dudelsack, dann aber auch wieder in irisch-barockhafter Manier erklangen. Ein wunderbarer Abend war das, unvergeßlich eben!
Dr. Werner Loock
Bericht im BBV:

