Nachlese – Herkunft

Landestheater Detmold überrascht mit dem Schauspiel „Herkunft“

Das Landestheater Detmold war am Mittwochabend mit „Herkunft“ nach einem Roman von Saša Stanišić in Bocholt zu Gast. Spätestens seit dem deutschen Buchpreis 2019 für „Herkunft“ hat sich Stanišić nicht nur als Buchautor, sondern mittlerweile auch in der Theaterwelt etabliert. Unter der Regie von Branko Šimić werden drei Aspekte hervorgehoben:

Anfangs steht der Zerfall des Heimatlandes und das Grauen des Jugoslawienkriegs im Mittelpunkt. Als Chiffre dient das Halbfinale im Fußballeuropapokal 1991, das „Roter Stern Belgrad“ gegen die Bayern aus München gewinnt (die Älteren werden sich erinnern). Saša und sein Vater erleben diesen denkwürdigen Abend im Stadion in Belgrad. Stanišić beschreibt das kollektive Ausrasten der Zuschauer als Gemeinschaftsgefühl, das letztmalig aufflammt. Kurz danach wird geschossen und gemordet.

Im Fortgang der Geschichte berichtet Stanišićs über seine Migrationserfahrungen. Der Autor erzählt Alltagsgeschichten im Wechselspiel von Ernst und Humor. Sogar Eichendorff-Gedichte finden ihren Platz. Es geht poetisch, schelmisch und auch sentimental zu – immer wieder scheint das Gefühl der verlorenen Heimat durch. Nach seinem gelegentlich gewundenen Weg durch Schule, Studium und Ausländerbehörde bleibt er schließlich der einzige aus der geflüchteten Familie, dem Integration in Deutschland gelingt.

Nicht nur gegen Ende des Stückes wird die enge Beziehung zu seiner zunehmend dementen Oma wichtiger, die er regelmäßig besucht. „Herkunft“ bedeutet bei einem gemeinsamen Besuch auf dem bosnischen Dorffriedhof, dass auf fast jedem Grabstein der Name Stanišić erscheint. Am Ende des Schauspiels wird die Bedeutung der Herkunft jedoch relativiert: Diese sei auf Dauer ein nicht entscheidendes Wesensmerkmal. Wohin der Mensch wolle sei das Wesentliche. Das überraschte dann doch in dieser Klarheit.

Schauspielerisch wurde mit viel Empathie und Spannung vorgetragen. Dramaturgisch gelang das Kunststück, die mehrfachen Perspektivwechsel, Erinnerungsfragmente und einige gleichsam märchenhafte Einwürfe zu einer klassischen Romanform zusammenzufügen. Die Bocholter erlebten einen unterhaltsamen und anregenden Theaterabend. Sie gaben den Detmoldern einen langanhaltenden Applaus mit auf den Heimweg.

Werner Loock / Thomas Siebe