Herr Lehmann, Elektrolyte und der Sound der Achtziger
Sven Regeners Besteller spielt in der Kneipenszene Kreuzbergs und endet mit dem Mauerfall, der zufällig (hahaha) mit Frank Lehmanns dreißigstem Geburtstag zusammenfällt. Am Donnerstagabend war das Landestheater Burghofbühne Dinslaken in Bocholt zu Gast, um den Geist einer Zeit wiederaufleben zu lassen, in der (West)Berlin ein Sammelbecken für Lebenskünstler, Wehrdienstvermeider und allerlei alternative Lebensentwürfe war.
Die Dinslakener trafen Regeners ironisch-liebevollen Blick wirklich ausgezeichnet. Man konnte sofort wieder einsteigen in diese zauberhafte kleine Welt. Die Hauptfiguren waren gut gezeichnet: Frank Lehmann, dessen Ambitionen immer etwas zu tief gelegt erscheinen, und der nach außen coole Karl Schmidt, der an seinem künstlerischen Anspruch letztlich verzweifelt. Aus dem gut aufgelegten Ensemble ragten Markus Penne und Arno Kempf einmal mehr heraus.
Etwas kurz kam die irrsinnige Gesprächschoreographie, die man aus Regeners Buch kennt und bei der die Protagonisten bisweilen minutenlang herrlich aneinander vorbeireden, so dass man beim Lesen (oder Zuhören) fast den Verstand verliert. Dafür hat die Regie eine bisher unbekannte Figur eingeführt: den Kneipenmusiker Jürgen, der die Spielszenen mit einigen mutwillig verhunzten Coverversionen von Hits der Achtziger anreicherte. Billy Idol erschien da und unvermeidlich: „Time of my Life“ aus Dirty Dancing mit einer unvergleichlich schrägen Tanzeinlage. Die Spielszenen waren umtost von verzerrten Gitarrenakkorden und von reichlich „Alkoholgenuss“ auf der Bühne begleitet. Seit Karl Schmidt wissen wir aber immerhin: Einen Hangover vermeidet man mit segensreichen Elektrolyten – also wurden auf der Bühne unentwegt Kartoffelchips verzehrt. Alles nicht so furchtbar ernst gemeint …
Am Ende applaudierte das Publikum langanhaltend. Viele hatten auf dem Nachhauseweg ein Lächeln im Gesicht. Ein letztes Wort zum Ton. Selbst mittlerweile etwas in die Jahre gekommene Sympies von Herrn Lehmann und Herrn Regener konnten dank der Tontechnik jedes auf der Bühne gesprochene Wort verstehen. Wie schön!
Das Stadttheater Bocholt e.V. freute sich über einen gut gefüllten Drosselsaal – und natürlich über einen kurzweiligen Theaterabend.
Thomas Siebe
Fotos: Werner Look


